Weniger Protein durch mehr Gemüse?

Der Mythos, BARF würde zu viel Protein liefern, hält sich hartnäckig. Aus diesem Grund versuchen viele Tierhalter durch unterschiedliche Ansätze, den Proteingehalt der Nahrung zu reduzieren. Eine Variante, die mich dabei immer wieder zum Schmunzeln bringt, ist, den Gemüse-Anteil in der Ration stark zu erhöhen. An Stelle des bei BARF üblichen 20 %-igen Pflanzenanteils wird dieser erhöht, auf beispielsweise 30, 50 oder sogar 70 %. Aber macht das wirklich Sinn?

Gemüse – was steckt drin?

Schaut man sich die Nährwerte von beispielsweise Spinat, Chicorée, Fenchel, Zucchini, Gurke, Karotte und Kopfsalat an, so fällt auf, dass 100 g dieser Nahrungsmittel zwischen 11 und 33 kcal haben. Im Vergleich dazu liefern bei BARF üblicherweise eingesetzte Muskelfleischsorten zwischen 225 und 295 kcal pro 100 g, auch Pansen oder Leber liegen bei etwa 130 kcal, sind also wesentlich energiereicher als Gemüse. Das liegt unter anderem am geringen Fettanteil, der bei Gemüse nur ca. 0,2 % beträgt und am meist geringen Kohlenhydratanteil, der bei vielen Sorten nur 0,5-2 % beträgt. Außerdem bestehen die genannten Sorten zu einem Großteil aus Wasser, der Anteil liegt bei 83 und 95 %. Das macht die meisten Gemüsesorten zu einem sehr kalorienarmen Lebensmittel, was jedoch gleichzeitig sehr nährstoffarm ist. Die für Hunde relevanten Vitamine und Mineralstoffe sind in sehr geringen Mengen enthalten und auch als Energielieferant lassen sich die meisten Gemüsesorten nicht einsetzen. Davon ausgenommen sind Früchte wie Kartoffeln oder Süßkartoffeln, die weiter unten im Artikel diskutiert werden.

Fleisch – eine Proteinbombe?

Eine der BARF-Regeln besagt, dass das Fleisch, was eingesetzt wird, mindestens 15–25 % Fett enthalten sollte, um die Energieversorgung des Hundes sicherzustellen. Der Vergleich unterschiedlich fetthaltiger Fleischsorten zeigt, warum das sinnvoll ist und was die Folgen sind. Magere Hühnerbrust beispielsweise liefert nur 100 kcal pro 100 g, der Fettanteil liegt bei für BARF viel zu geringen 0,7 %, dafür ist der Proteinanteil mit 23,5 % recht hoch. Rindfleisch mit ca. 15 % Fett hingegen liefert dem Hund 225 kcal pro 100 g und ca. 19 % Protein, während Rindfleisch mit 25 % Fett schon 295 kcal pro 100 g enthält und nur noch 15,7 % Protein beisteuert.

Man kann also 100 g magere Hühnerbrust durch nur 33 g Rindfleisch mit 25 % Fett ersetzen und führt in beiden Fällen 100 kcal zu. Nur sind in 100 g Hühnerbrust gleichzeitig auch 23,5 g Protein enthalten, während 33 g durchwachsenes Rindfleisch nur 5,2 g Protein liefern. Außerdem ist die notwendige Fleischmenge viel geringer.

Dies verdeutlicht, wie wichtig der bei BARF übliche Mindestfettanteil ist, denn je geringer der ist, desto weniger Energie liefert das Futtermittel und desto mehr muss davon auch eingesetzt werden. Damit steigt automatisch die Proteinzufuhr – was eben gar nicht gewünscht ist bei BARF. Außerdem muss man beim Einsatz magerer Zutaten natürlich auch mehr füttern, was mit höheren Kosten einhergeht und Leber und Nieren des Tieres stärker belastet.

Protein reduzieren durch mehr Gemüse

Schauen wir uns den Protein- und Energiegehalt einer ganz normalen BARF-Ration an, für einen Hund, der 30 kg wiegt und 600 g Futter am Tag bekommt. Das Muskelfleisch enthält im Beispiel 15 % Fett. Damit nimmt der Hund 87 g Protein am Tag auf bei 980 kcal. Der Proteinbedarf für einen 30 kg Hund liegt bei 64 g am Tag, wir liegen also nur 35 % über dem Bedarf – das sind Werte, die jedes handelsübliche Fertigfutter auch erreicht. Wir haben also nicht „zu viel“ Protein und es gibt auch nicht besonders viel Spielraum für Senkungen des Proteingehaltes, weil sonst ein Proteinmangel entsteht, es sei denn, das Tier bekommt eine recht hohe Futtermenge.

Angenommen, man füttert nun mehr Gemüse, um den Proteinanteil noch mehr zu senken. An Stelle von 20 % Gemüse, sollen es nun 30 % Gemüse sein. Die angepasste Ration wiegt weiterhin 600 g und hat jetzt zwar nur noch 79 g Protein, aber leider ist der Energiegehalt ebenfalls gesunken und zwar auf ca. 880 kcal. Das bedeutet natürlich, dass der Hund nun in Folge dessen abnehmen wird. Das ist außer im Rahmen einer Reduktionsdiät aber nicht gewünscht. Also muss man die Futtermenge erhöhen auf ca. 690 g am Tag (2,3 % vom Körpergewicht), um wieder die 980 kcal zu erreichen, die bisher zugeführt wurden. Und was passiert dann mit dem Proteingehalt? Richtig, er steigt wieder an und zwar auf ca. 87 g. Was wir hier erreicht haben, ist also lediglich ein mengenmäßiges Aufblähen der Ration (und damit übrigens auch der Kotmenge), aber keinerlei Proteinreduktion. Ab einem gewissen Punkt ist es außerdem so, dass die vermehrte Zufuhr von Faserstoffen, die in Gemüse vorkommen, die Verdaulichkeit der Gesamtration reduziert. Steigt der Faseranteil um 1 % an, so sinkt die Verdaulichkeit gleichzeitig um 1,6 %. Die Kotmenge verdoppelt sich übrigens, wenn die Verdaulichkeit der Futtersubstanz beispielsweise von 92,5 % auf 85 % absinkt.

Protein durch mehr Gemüse reduzieren zu wollen, ist im Grunde eine Milchmädchenrechnung, denn man kann energiereiche Futtermittel nicht einfach gegen energiearme austauschen und davon ausgehen, dass das Tier dann sein Gewicht hält. Auch kostenseitig bringt es nicht wirklich etwas, denn man sollte auch nicht vergessen, dass Gemüse auch nicht gerade „billig“ ist: 1 kg Zucchini kosten mindestens 2 Euro und liefern nur 210 kcal, während 1 kg Ziegenfett 3,50 Euro kostet und ganze 9.000 kcal in den Napf bringt.

Den Umstand, dass Gemüse mehr Volumen liefert, aber weniger Energie macht man sich übrigens bei Reduktionsdiäten im Humanbereich zunutze. Wer kennt es nicht: Wer abnehmen will, soll an Stelle von Nudeln, Fleisch und Süßigkeiten einfach mehr Gemüse essen. Der Teller sieht dann genau so voll aus wie bisher, aber man nimmt ab (und wird nicht satt – weil das Gemüse im Grunde zu über 90 % aus Wasser besteht).

Futter- und Proteinmenge reduzieren durch mehr Fett

Der einfachste Weg, bei BARF die Futter- und gleichzeitig auch die Proteinmenge zu reduzieren (und dabei übrigens auch gleich Fleisch und damit Geld einzusparen), ist, den Fettanteil zu erhöhen. Für gesunde Hunde ist das auch kein Problem, denn sie vertragen bis zu 10 g Fett pro kg Körpergewicht. Bleiben wir beim Beispiel von oben. Der 30 kg schwere Hund soll 600 g Futter am Tag bekommen, darin enthalten ist Muskelfleisch mit 15 % Fett. Die Ration liefert nach wie vor 980 kcal am Tag und 87 g Protein. Nun erhöhen wir den Fettanteil in der Ration auf 20 % im Muskelfleisch. Das hat zur Folge, dass wir die Futtermenge senken müssen, denn nun liefert die Ration auch mehr Energie. Die neue Futtermenge beträgt nun nur noch 540 g, enthält nach wie vor 980 kcal, aber liefert nur noch 76 g Protein. Dieses Vorgehen ist wesentlich effektiver, als den Gemüseanteil aufzublähen. Wie man den Fettanteil im Futter erhöht, wenn man nur mageres Fleisch zur Verfügung hat, ist hier erläutert.

Weniger Protein durch Getreide oder Kartoffeln?

Eine weitere Möglichkeit, den Proteinanteil in der Ration zu senken, ist, stark kohlenhydrathaltige Futtermittel einzusetzen wie z. B. Reis, Nudeln, Hirse, Quinoa oder Kartoffeln. Aber dieser Weg ist wesentlich ineffizienter als einfach den Fettanteil zu erhöhen, denn beispielsweise braucht man 650 g gekochte Kartoffeln, um 50 g Rinderfett zu ersetzen, beim Reis sind es noch immer 350 g. Das bläht die Ration ebenfalls nur auf und sorgt für größere Kotmengen, vor allem, wenn man den Proteingehalt genauso stark senken will wie mit Fett. Auch dies lässt sich anhand der Zahlen belegen: Eine BARF-Ration mit einem 12%igen Getreideanteil und 15 % Fett im Muskelfleisch, die 980 kcal liefern soll, enthält noch immer 80 g Protein, aber die Futtermenge beträgt dann 630 g. Das ist völlig logisch, denn 100 g gekochter Reis liefern nur 126 kcal, während eben 100 g Rindfleisch mit 15 % Fett 225 kcal enthalten. Erhöht man den Anteil an Reis dann z. B. auf 18 % der Ration, so sinkt der Proteingehalt weiter auf 78 g, wenn man 980 kcal zuführt. Aber es werden durch solche nährstoffarmen Futtermittel, die lediglich Kohlenhydrate beisteuern, irgendwann die Komponenten aus der Ration verdrängt, die den Hund mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgen: Je höher der Anteil an stark kohlenhydtrathaltigen Futtermitteln ist, desto geringer ist die Zufuhr an essentiellen Nährstoffen.

Wenn man die Sache übertreibt, generiert man Nährstoffmängel. Angenommen, unser 30 kg Hund bekommt die bereits erwähnte 600 g BARF-Ration mit 15 % Fett im Fleisch. Dann wird beispielsweise der Calciumbedarf zu 110 % gedeckt und Vitamin B1 zu 100 % und Vitamin B2 zu 120 %. Nun gestalte ich die Ration so, dass sie zu 50 % aus Kartoffeln besteht, die Futtermenge muss angehoben werden, um die gleiche Kalorienzufuhr zu leisten, aber der Rest bleibt prozentual gesehen gleich – nur enthält die Ration jetzt insgesamt weniger Fleisch, Knochen und Innereien. Die wurden ja von den Kartoffeln verdrängt. Leider ist der Calciumbedarf nun nur noch zu 80 % gedeckt, beim Vitamin B1 haben wir nur noch 85 % Bedarfsdeckung, Vitamin B2 ist nur noch zu 75 % gedeckt. Auch die Zufuhr anderer Nährstoffe, die für den Hund wichtig sind – ist reduziert. Zwar hat man jetzt weniger Protein, aber dafür mehr Kot und weniger Nährstoffe. Es muss nun mit Nahrungsergänzungsmitteln gearbeitet werden, um den Nährstoffverlust auszugleichen. Mit einer maßvollen Erhöhung des Fettanteils wäre das nicht passiert.

Fazit

Diese einfachen Berechnungen zeigen, dass es wesentlich effizienter ist, über einen angemessenen Fettanteil im Futter, die Proteinmenge zu reduzieren als mit Unmengen an Gemüse. Auch der Einsatz von großen Mengen an sehr kohlenhydratreichen Futtermitteln wie Getreide ist wesentlich ineffizienter als etwas fettigeres Fleisch einzusetzen und führt bei übermäßigem Einsatz auch noch zu Nährstoffmängeln. Man sollte allerdings beim Einsatz von Fett darauf achten, den Anteil immer schrittweise und vorsichtig zu steigern, denn ein abruptes Anheben kann zu einer Bauchspeicheldrüsenentzündung führen. Außerdem darf man die Reduktion der Futtermenge nicht übertreiben, denn bei sehr geringen Futtermengen wird die Nährstoffversorgung des Tieres ebenfalls nicht mehr sichergestellt – es kommt sogar viel schneller als gedacht zu einem Proteinmangel. Außerdem gibt es natürlich auch Tiere, die Fett nur sehr schlecht vertragen. In diesem Fall muss man dann auf die weniger effektive Variante, Getreide oder ähnliches zu füttern, zurückgreifen und mit den Nachteilen leben.

Das BARF Buch

 

Kommentare zu “Weniger Protein durch mehr Gemüse?

    • Nadine Wolf sagt:

      Man kann den individuellen Proteinbedarf nicht wirklich ausrechnen – das geht nur mit einer allgemeinen Formel, die dann für alle Tiere verwendet wird. Die Formel lautet für ausgewachsene Hunde Körpergewicht^0,75 x 5 g Protein (^ steht für „hoch). Das bezieht sich allerdings auf verdauliches Protein. Man sollte also ein bisschen mehr füttern als das, was bei der Formel rauskommt.

        • Nadine Wolf sagt:

          Für einen Überschuss gibt es keine Anzeichen. Das Problem ist hier eher, dass Protein in Abwesenheit von einer alternativen Energiequelle, also z. B. Fett, zum Problem werden kann. Das belastet Leber und Nieren auf Dauer.

          Einen Mangel würde man an ganz unterschiedlichen Symptomen bemerken: Schlechtes Fell, Abbau der Muskulatur, Neigung zu Infektionen, Gewichtsverlust, Unfruchtbarkeit, Probleme mit dem Nervensystem. Im Blut sieht man es auch: Verminderte Albumin- und Harnstoffgehalte im Blut, Anämie

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