Herzprobleme (DCM) durch getreidefreies Futter?

Im Rahmen einer Untersuchung der amerikanischen Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde, FDA, wird ein Zusammenhang zwischen bestimmten Futtersorten und dem vermehrten Auftreten der s. g. Dilativen Cardiomyopathie (DCM) vermutet. Normalerweise betrifft diese Herzerkrankung genetisch bedingt bestimmte Rassen besonders häufig, nun aber wurde entdeckt, dass vermehrt auch Tiere erkranken, die keine bekannte genetische Prädisposition für diese Erkrankung haben, aber getreidefreies Futter bekommen. Dieser Umstand scheint einige Barfer zu beunruhigen, denn schließlich ist BARF in den meisten Fällen eine getreidefreie Fütterungsmethode. Außerdem kursieren seit den Veröffentlichungen der FDA zu diesem Thema äußerst fragwürdige Empfehlungen, wie beispielsweise der BARF-Ration Reis hinzuzufügen oder auf ein „hochwertiges Fertigfutter“ umzusteigen, um dieser Problematik zu entgehen. Ist das wirklich nötig?

Was ist geschehen?

Der FDA wurden in den letzten beiden Jahren auffällig viele Fälle von DCM gemeldet. Dabei fiel auf, dass neben den Rassen, die sonst üblicherweise von der Erkrankung betroffen sind, z. B. Dobermänner, Deutsche Doggen oder Irische Wolfshunde, nun ungewöhnlich viele Golden Retriever  oder Labrador Retriever erkrankt waren. Zwischen dem 1.1.2014 und dem 30.4.2019 wurden der FDA insgesamt 560 Fälle ganz unterschiedlicher Rassen (davon allein 95 Golden Retriever, 62 Mischlinge, 47 Labradore, 25 Deutsche Doggen) gemeldet, in denen Hunde unter DCM litten, 452 dieser Tiere wurden mit Trockenfutter ernährt, 24 bekamen einen Mix aus unterschiedlichen Futtersorten und 9 Tiere wurden roh gefüttert. Im Übrigen wurde nicht veröffentlicht, welcher Rasse die 9 roh gefütterten Tiere Rassen angehörten (schließlich könnte die DCM genetisch bedingt sein). Die Fallzahl für DCM ist übrigens insgesamt eher gering – in Bezug auf die USA bedeuten die etwa 500 gemeldeten Fälle, dass einer von 150.000 Hunden betroffen ist.

Bei der Analyse fiel auf, dass unter den mit Trockenfutter ernährten Tieren viele, nämlich 91 % ein s. g. getreidefreies Futter bekamen, in 93 % der Fälle enthielt das Futter außerdem Bohnen oder Linsen, 42 % der untersuchten Futtermittel bestanden zum Teil aus Kartoffeln oder Süßkartoffeln.

Die FDA bezieht sich in ihrer Untersuchung demnach auf Fertigfuttersorten, die als „getreidefrei“ gekennzeichnet sind und große Mengen an Bohnen, Linsen oder anderen Hülsenfrüchten und / oder Kartoffeln in unterschiedlichen Formen (ganze Frucht, Mehl, Kartoffelprotein) als Hauptzutaten enthalten.

Was steckt dahinter?

Die FDA versucht nun herauszufinden, wie es zur Häufung der DCM-Fälle kommen konnte. Eine Vermutung ist, dass die Tiere aufgrund eines Taurinmangels DCM entwickelten. Taurin ist eine Aminosäure, die z. B. für Katzen essenziell ist, weil sie sie nicht selbst synthetisieren können. Nehmen Katzen nicht genug Taurin auf, so können sie u. a. an DCM erkranken. Taurin ist ausschließlich in tierischen Produkten enthalten, vor allem in Innereien. Hunden wurde bisher immer unterstellt, dass sie in der Lage sind, Taurin selbst zu synthetisieren, wenn ausreichende Mengen der dafür notwendigen Grundsubstanzen, nämlich der Aminosäuren Methionin und Cystein im Futter enthalten sind. Aus diesem Grund enthalten Fertigfutter für Hunde meist kein zusätzliches Taurin. Taurin ist hitzeempfindlich und wird bei der Verarbeitung der Zutaten für das Fertigfutter zerstört, weshalb es beispielsweise Katzenfutter standardmäßig nach dem Erhitzen oder gleich in größeren Mengen hinzugefügt wird. Das wurde bei Hundefutter bisher nicht flächendeckend gemacht, weil man Taurin bisher nicht für essentiell hielt. Man weiß heute aber, dass bei einigen Hunderassen die Eigensynthesekapazität wohl nicht ausreicht, um den Taurinbedarf zu decken, weshalb bei solchen Rassen (z. B. Neufundländer) empfohlen wird, zusätzliches Taurin zu geben.

In ersten Untersuchungen stellte die FDA fest, dass die als getreidefrei gekennzeichneten Fertigfuttersorten eigentlich ausreichende Mengen an Methionin und Cystein enthalten – also genug Grundstoffe für die Eigensynthese von Taurin, weshalb nun weiter geforscht werden soll, inwieweit der Taurinmetabolismus eine Rolle spielen könnte.

Hierzu gibt es – unabhängig von der FDA – mehrere Theorien. Beispielsweise ist es möglich, dass in Hülsenfrüchten und Kartoffeln vorkommende Lektine die Darmschleimhaut angreifen oder das Mikrobiom in einer Art und Weise negativ beeinflussen, sodass die Aufnahme von Methionin und Cystein über die Darmschleimhaut gestört ist, was zu einer eingeschränkten Eigensynthese von Taurin führen könnte. Zusätzlich könnte aber auch die Tatsache eine Rolle spielen, dass in den als getreidefrei vermarkteten Fertigfuttersorten insgesamt weniger tierisches Protein enthalten ist, weil Hülsenfrüchte eben auch eine Proteinquelle sind, nur keine tierische – somit ist gar kein Taurin enthalten. Es wird auch gemutmaßt, ob es vielleicht an bestimmten Düngemitteln und anderen Pestiziden liegen könnte, die speziell für den Anbau von Hülsenfrüchten verwendet werden oder daran, dass im Hundefutter unreife oder mit Mykotoxinen („Schimmelpilzgifte“) belastete Chargen verwendet werden, die in irgendeiner Weise dazu führen, dass die Taurin-Eigensynthese des Hundes gestört wird oder DCM anderweitig hervorgerufen wird.

Die FDA untersucht außerdem, ob bei Golden Retrievern möglicherweise eine bisher verkannte, genetische Prädisposition für eine gestörte Taurinsynthese vorliegt, welche nachgewiesenermaßen zu DCM führen kann.

Es ist aber noch nicht geklärt, was der Grund für die höheren Fallzahlen ist.

Was bedeutet das für Barfer?

Zunächst einmal sollte man sich vor Augen führen, dass die FDA den Fokus der Untersuchung nicht darauf legt, dass das Futter getreidefrei ist, sondern dass es an Stelle von Getreide Hülsenfrüchte oder Kartoffeln als Hauptzutaten enthält. Dies ist der erste Punkt, der auf BARF überhaupt gar nicht zutrifft. Keine BARF-Ration enthält Hülsenfrüchte und Kartoffeln werden bei BARF – wenn überhaupt – ausschließlich in geringen Mengen eingesetzt, z. B. stellen sie einen kleinen Teil des 20-%igen Gemüseanteils dar. Bei den untersuchten getreidefreien Futterarten stellten diese Zutaten aber den Hauptanteil der gesamten Ration dar.

Zudem enthält BARF übrigens auch viel weniger Lektine als Futtersorten mit Hülsenfrüchten, Kartoffeln oder Getreide und in der Regel auch keine Schimmelpilzgifte (schließlich sind kaum Zutaten enthalten, die lange genug aufbewahrt werden, um Schimmel anzusetzen). Sollten also diese o. g. Theorien sich als zutreffend herausstellen, treffen sie auf BARF ebenfalls nicht zu.

Eine Vermutung der FDA ist, dass das vermehrte Auftreten von DCM mit einem Taurinmangel in Verbindung gebracht werden könnte. Taurin kommt ausschließlich in tierischen Zutaten vor, die Aminosäuren, aus denen Hunde Taurin selbst synthetisieren können, also Methionin und Cystein, sind ebenfalls in tierischen Produkten in wesentlich höherer Konzentration enthalten als in Getreide (oder Hülsenfrüchten). Somit schneidet BARF auch hier besser ab als ein handelsübliches getreidefreies Trockenfutter.

Dass für die Taurinsynthese Getreide benötigt wird, geht mit keinem Wort aus der Untersuchung der FDA hervor und ist übrigens auch nirgends in der Literatur beschrieben. Das wäre auch fatal, denn die Domestikation des Hundes geschah tausende Jahre vor der ersten Kultivierung von Getreide. Frühe Hunde hätten ein echtes Problem gehabt, wäre Getreide notwendig, um Taurin zu synthetisieren – schließlich gab es vor 10.000 Jahren gar keins.

Im Unterschied zu handelsüblichem Hundefertigfutter enthält BARF immer Taurin, denn hierbei werden Fleisch und Innereien (Tauringehalte: Rindfleisch – 43 mg/100 g, Zunge – 175 mg/100 g, Herz – 65 mg/100 g, Leber – 68 mg/100 g) in roher Form verfüttert – sodass hier nicht mit großen Verlusten an Taurin zu rechnen ist, auch wenn beim Einfrieren der tierischen Zutaten gewisse Verluste auftreten. So liefert 1 kg BARF im Schnitt ca. 250 mg Taurin. Damit nimmt jeder gebarfte Hund – zusätzlich zur meist vorhandenen Möglichkeit der Eigensynthese – viel mehr Taurin auf, als Hunde, die Fertigfutter bekommen (es sei denn, es handelt sich um Fertigfutter mit extra Taurinzugabe).

Es gibt Stimmen, die behaupten, man müsse nun der BARF-Ration Getreide hinzufügen, um eine Erkrankung an DCM zu verhindern, denn schließlich hat die FDA ja „getreidefreies Futter“ in Verdacht. Es ist aber nicht so, dass die FDA davon ausgeht, dass die Abwesenheit von Getreide das Problem ist, sondern eher die Anwesenheit großer Mengen an Hülsenfrüchten und Kartoffeln die Ursache darstellen könnte. Dies ist der Veröffentlichung der FDA auch eindeutig so zu entnehmen – es sei denn, man liest nur die ersten zwei Zeilen der Einleitung oder nur die Überschriften zahlreicher Zeitungsartikel zu diesem Thema…

Die Empfehlung, in eine BARF-Ration Getreide zu integrieren, ist ausgesprochen widersinnig, denn taurinreiche Komponenten durch taurinfreie zu ersetzen, ist das Gegenteil von dem, was man im Rahmen der DCM-Prävention tun sollte. Fügt man einer BARF-Ration Getreide (Tauringehalt sämtlicher Sorten: 0 mg/100 g) hinzu und ersetzt damit tierische Zutaten (Tauringehalt im Rohzustand: 20-175 mg/100 g), sinkt selbstverständlich der Tauringehalt der Nahrung, sodass DCM wahrscheinlicher und nicht unwahrscheinlicher wird.

Fazit

Es ist bisher nicht geklärt, warum vermehrt Hunde an DCM erkranken, die mit getreidefreien Futtersorten, die reich an Hülsenfrüchten oder Kartoffeln sind, gefüttert werden. Die Theorien, die bisher zum Thema existieren, sind auf gebarfte Hunde nicht anwendbar, denn BARF setzt sich vollkommen anders zusammen als Fertigfutter, welches als getreidefrei vermarktet wird. Ebenfalls ist nicht klar, ob es sich möglicherweise um eine Scheinkorrelation handelt und bei den vor allem betroffenen Rassen (Retriever) nicht möglicherweise eine genetische Disposition für die Entwicklung von DCM besteht. Aus diesem Grund kann zum heutigen Zeitpunkt nicht davon ausgegangen werden, dass BARF – weil es getreidefrei ist – mit einem vermehrten Risiko für DCM einhergeht.

Das BARF Buch

Eine Idee zu “Herzprobleme (DCM) durch getreidefreies Futter?

  1. Jutta Kurth sagt:

    Und wieder einmal sieht man hieran, dass Gerüchte sich rasend schnell verbreiten. Der Tenor von denjenigen, die alles immer nur ganz schnell „querlesen“ lautet ja ständig: „Getreidefreies Futter ist schädlich für Hunde!“ Übrigens geben sogar Schulungsreferenten (erst kürzlich in einer Fortbildung in Köln, an der ich teilnahm) die Untersuchungsinhalte falsch wieder. Endlich ein guter Text, auf den man verweisen kann. Vielen Dank hierfür 😀

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