BARF-Profile – mehr Unsinn als Sinn

BARF-Profil

 

BARF steht immer wieder in der Kritik, weil diese Fütterungsart angeblich nicht bedarfsdeckend sein soll. Um die verängstigen Tierhalter zu be(un)ruhigen, wird daher seit einigen Jahren das s. g. BARF-Profil angeboten. Das Verkaufsargument für diese mit 150–250 Euro doch recht kostspielige Untersuchung lautet, dass dadurch überprüft werden kann, ob das Tier mit BARF auch wirklich genügend Nährstoffe aufnimmt. Leider wird dabei verschwiegen, dass die meisten der untersuchten Blutwerte überhaupt gar keine Aussage zur Nährstoffversorgung zulassen. Und merkwürdigerweise gibt es das Pendent für mit Fertigfutter ernährte Tiere überhaupt gar nicht. Als wäre da die Nährstoffversorgung nicht relevant…

Welche Blutwerte werden ermittelt?

Es gibt unterschiedliche BARF-Profile, sodass nicht immer die gleichen Werte enthalten sind. Häufige Blutwerte in BARF-Profilen sind:

Calcium, Phosphat, Kupfer, Zink, Jod, Vitamin A, D, B12, T4 – ergänzt wird die Untersuchung durch ein s. g. kleines Blutbild

Angeblich fehlt es vielen BARF-Rationen gerade an Zink, Kupfer, Jod und Vitamin D, während Vitamin A stets überdosiert sein soll. Die Frage, die sich stellt, ist, ob man mit einer Blutuntersuchung tatsächlich auf eine Mangelversorgung oder Überversorgung schließen könnte. Die Antwort lautet leider für die meisten der genannten Werte: Nein.

Welche der Werte lassen auf die Nährstoffversorgung schließen?

Die Werte des kleinen Blutbildes werden an dieser Stelle nicht besprochen, da sie die Tierhalter meist nicht so sehr aus der Fassung bringen. Schauen wir uns stattdessen die Nährstoffwerte im Einzelnen an, beginnend mit den Mineralstoffen, gefolgt von den Vitaminen.

Calcium

Calcium ist ein Mineralstoff, der vor allem im Skelett und den Zähnen unserer Hunde gebunden ist. Lediglich 1 % des Calciums im Körper findet sich überhaupt im Blut, der Lymphe und anderen Körperflüssigkeiten. Der Körper ist dabei stets versucht, den Calciumspiegel im Blut möglichst konstant zu halten – diesen Prozess nennt man Homöostase. Geregelt durch Hormone wird daher bei einem Überschuss in der Nahrung Calcium z. B. in Knochen eingelagert und im Falle eines Unterversorgung ausgelagert. Es wird auch reguliert, wie viel Calcium aus der Nahrung überhaupt im Darm aufgenommen wird. Das führt dazu, dass der Calciumspiegel im Blut auch bei einer Unterversorgung und auch bei einer Überversorgung innerhalb gewisser Grenzen gleich bleibt. Der Calciumblutwert liefert daher keine Informationen über die Calciumversorgung mit der Nahrung, es sei denn, es besteht eine extreme, lang anhaltende Fehlversorgung.

Phosphat

Phosphor liegt im Körper als Phosphat vor und ist vor allem Bestandteil von Knochen, aber auch sonstigem Gewebe. Der Körper ist auch im Falle von Phosphat geneigt, den Plasmaspiegel konstant zu halten. Das geschieht über eine Erhöhung der Phosphataufnahme im Darm bei einer Unterversorgung und einer gesteigerten Ausscheidung über die Nieren bei einer Überversorgung. Der Phosphatspiegel im Blut wird zusätzlich durch Hormone geregelt. Man fand in Studien heraus, dass Tiere, die rein rechnerisch zu wenig Phosphat im Futter haben, dennoch einen konstanten Plasmaspiegel aufwiesen. Interessanterweise ergab die Untersuchung außerdem, dass Tiere, die zu viel Phosphat aufnahmen, einen sinkenden Plasmaspiegel aufwiesen. Verschiedene Erkrankungen können den Blutwert obendrein beeinflussen, ebenso wie das Wachstum. Demnach lässt der Phosphatwert im Blut keine wirkliche Aussage zur Versorgung zu.

Kupfer

Kupfer wird im Blut an bestimmte Trägerproteine gebunden transportiert, der Hauptspeicherort ist jedoch die Leber. Daher reflektiert nur die Kupfer-Konzentration in der Leber den Kupferstatus des Tieres. Das bedeutet, dass im Grunde eine Leberbiopsie notwendig wäre, um festzustellen, ob die Kupferaufnahme ausreichend ist. Das ist natürlich eine absolut übertriebene Maßnahme.

Zink

Zink wird an Speicher- und Transportproteine gebunden im Blut transportiert, allerdings erfolgt die Speicherung von Zink letztendlich in den Knochen. Die Zinkkonzentration kann nur unter bestimmten experimentellen Bedingungen über das Blut bestimmt werden, ansonsten gibt lediglich eine Knochenbiopsie Aufschluss über den Versorgungsstatus.

Jod

Jod wird an Transportproteine gebunden, als freies Jodid oder als Bestandteil der Schilddrüsenhormone im Blut transportiert. Es kommt allerdings zu großen Schwankungen des Jodspiegels im Blut, was die Messung im Grunde unmöglich macht. Außerdem wirken sich das Alter, die Rasse sowie das Geschlecht des Tieres auf den Blutwert aus und auch die Tatsache, dass Hunde sehr lange brauchen, um sich an eine veränderte Jodzufuhr zu gewöhnen. Zudem gibt es bisher nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit dem Zusammenhang der aufgenommenen Jodmenge und dem Jodspiegel im Blut beim Hund auseinandersetzen. Im Humanbereich wird eine Urinuntersuchung mit 24-h-Sammelurin eingesetzt. Bei BARF kann es im Grunde nicht zu einer Unter- oder Überversorgung kommen, denn man füttert ziemlich nah am Bedarfswert. Das trifft allerdings nur dann zu, wenn man sich wirklich an die Regeln hält, also die Fütterung von Schilddrüsengewebe vermeidet (siehe häufige Fehler bei BARF) und die Seealgen richtig dosiert (siehe dieser Artikel). Hier geht’s zum kostenlosen Seealgen-Rechner.

Vitamin A

Vitamin A wird bei Hunden in Form von Retinyleser an Lipoproteine gebunden im Blut transportiert. Letztendlich wird Vitamin A dann in der Leber gespeichert. Der Vitamin-A-Gehalt im Blut von Hunden ist dabei nicht so straff reguliert wie z. B. bei uns Menschen und variiert daher auch bei ausreichender Zufuhr recht stark. Aus diesem Grund ist die Aussagekraft des Wertes ebenfalls wissenschaftlich umstritten. Bei BARF ist jedoch schon rein rechnerisch weder von einer Vitamin-A-Unterversorgung, noch von einer -Überversorgung auszugehen (siehe dieser Artikel).

Vitamin D

Auch Vitamin D wird im Körper an Transportproteine gebunden über das Blut transportiert und dann hauptsächlich im Körperfett des Tieres gespeichert. Im Körper kommt es in unterschiedlichen Formen vor, die aus dem Vitamin D, welches über die Nahrung aufgenommen wird, umgewandelt werden. Die Zirkulationsform stellt das s. g. 25-Hydroxy-Vitamin-D3 dar, welches recht zuverlässige Ergebnisse liefert und damit eine Aussage über den Vitamin-D-Status zulässt. Wer bei BARF einmal wöchentlich stark Vitamin-D-haltigen Fisch an Stelle der Muskelfleischportion füttert oder aber Lebertran in der Ration integriert hat, sollte mit der Vitamin-D-Versorgung des Tieres kein Problem haben.

Vitamin B12

Hier wird im Veterinärbereich leider der Serumwert des Vitamin B12 ermittelt, der nicht zuverlässig ist. Weil das in zahlreichen Studien belegt wurde, gibt es im Humanbereich mittlerweile einen Wert, der sich Holo-TC nennt. Das Testergebnis ist wesentlich aussagekräftiger, steht aber leider nicht für Hunde zur Verfügung. Bei einem zu niedrigen Vitamin B12-Wert im Blut muss also noch lange kein Mangel vorliegen, ist der Wert zu hoch, ist es noch längst keine Überversorgung und ist der Wert in der Referenz, bedeutet das noch längst keine passende Versorgung. Hier müssen Begleitumstände und noch weitere Werte betrachtet werden, um irgendeinen Rückschluss ziehen zu können. Hauptquelle für Vitamin-B12 in der Nahrung ist Leber, welche bei BARF naturgemäß zu etwa 3–4 % der gesamten Ration ausmacht, natürlich tragen aber auch die anderen tierischen Bestandteile zur Versorgung bei. Ein Vitamin-B12-Mangel ist daher nur bei Resorptionsproblemen (z. B. bei Pankreasinsuffizienz) zu erwarten.

Welche Probleme birgt die Untersuchung?

Abgesehen davon, dass die meisten Werte – wie beschrieben – überhaupt gar keinen Rückschluss auf die Nährstoffversorgung zulassen, muss man bei der Untersuchung von Blutwerten immer berücksichtigen, dass diese immer nur eine Momentaufnahme zeigen. Nach der Nahrungsaufnahme beispielsweise kann der Plasmagehalt von Nährstoffen ansteigen, sodass man meinen könnte, es gäbe eine Überversorgung. Aber da der Wert dann später wieder abfällt, ist dies eigentlich nicht der Fall.

Auch verändern Entzündungen das Ergebnis einer solchen Auswertung: Beispielsweise erscheint der Plasmaspiegel von Eisen, Zink, Kupfer und Vitamin A geringer, wenn entzündliche Prozesse im Körper stattfinden. Wird hieraus der Rückschluss gezogen, es würde an einem Mangel im Futter liegen, ist das schlichtweg falsch.

Auch verschieden Erkrankungen beeinflussen die Nährstoffspiegel im Blut, sodass der Eindruck entstehen kann, es gäbe einen Mangel, ohne dass tatsächlich einer vorliegt.

Es gibt noch weitere Faktoren, die hier eine Rolle spielen wie z. B. Stress oder Wachstum. Welpen haben bekanntermaßen z. B. höhere Phosphatwerte oder Jodwerte im Blut. Wird bei einem solchen Hund einfach der Referenzwert für ein erwachsenes Tier berücksichtigt, erscheint der Wert viel zu hoch zu sein. Wird daraufhin dann im Futterplan die Phosphat- oder Jodzufuhr reduziert, erreicht man damit möglicherweise einen Mangel.

Eine weitere Ursache dafür, dass Werte nicht in der Referenz liegen, könnte ein sekundärer Nährstoffmangel sein. Angenommen, man fügt dem Futterplan zusätzlich Zink hinzu, weil man irgendwo gelesen hat, das wäre bei BARF nötig. Nun, dies könnte zu einem sekundären Kupfermangel führen, weil zu viel Zink in der Nahrung die Kupferaufnahme einschränkt. Es ist also eigentlich genug Kupfer im Futter, nur der Körper kann es nicht optimal verwerten.

Zudem wird bei der Angabe der Referenzwerte nicht berücksichtigt, dass es auch individuelle, möglicherweise genetisch bedingte Unterschiede gibt und erst recht nicht, wie der Hund ernährt wird. Einer Studie(1) zufolge ist beispielsweise bekannt, dass bestimmte Blutwerte sich bei gebarften Hunden grundsätzlich verändern können, ohne, dass das problematisch wäre. Darunter fallen Kreatinin, Harnstoff und Hämatokrit, die höher sein können. Die Labore berücksichtigen dies aber erstens nicht und zweitens liegen hier auch gar nicht genügend Forschungsergebnisse vor, denn man weiß längst nicht zu jedem Blutwert, wie er sich mit einer anderen Fütterung verändert.

Aus diesen Gründen weisen die Labore in ihren Erläuterungen auch oftmals darauf hin, dass die Werte nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Versorgung zulassen und nicht einmal ein Wert innerhalb der Referenz aussagekräftig ist, wie man im folgenden Ausschnitt am Beispiel von Kupfer sehen kann:

Wann sollte eine Blutuntersuchung gemacht werden?

Bezogen auf das BARF-Profil gibt es keinen vernünftigen Grund, eines anfertigen zu lassen. Das mag übertrieben klingen, aber es ist so. Im schlimmsten Falle verunsichern die Blutwerte nur und verleiten dazu, Anpassungen am Futter vorzunehmen, die nicht nötig oder sogar schädlich sind. Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht dies: Eine Kundin von mir hatte sich einen Futterplan gewünscht, der gar keine Jodquelle wie Seealgen oder Fisch enthalten sollte, weil ein BARF-Profil ergeben hatte, dass der Jodwert im Blut zu hoch war. Ich wies auf die Risiken hin, erläuterte, dass der Jodbedarf mit dem Plan nur zu 6 % gedeckt wäre und erstellte den Plan. Nach ein paar Monaten kam die Halterin auf mich zu, denn sie hatte erneut ein BARF-Profil machen lassen. Ergebnis: Der Jodwert im Blut war weiter gestiegen – bei einer massiven Unterdeckung des Jodbedarfswerts. Der Tierarzt forderte, ich solle das Jod in der Ration weiter reduzieren oder aber es solle ein Fertigfutter gegeben werden (welches nebenbei bemerkt 450 % des Bedarfswertes deckte). Ein solches Vorgehen ist nicht nur abstrus, sondern auch gefährlich für das Tier, ist aber leider nicht selten die Reaktion auf ein BARF-Profil. Auf der anderen Seite suggerieren die Werte vielleicht auch falsche Sicherheit an einer Stelle, an der tatsächlich ein Mangel vorliegt.

Nun sind Blutuntersuchungen nicht per se etwas Nutzloses. Sie können wertvolle Hinweise über den Gesundheitszustand liefern – man muss nur die richtigen Werte untersuchen lassen und sie zu interpretieren wissen. Dies ist bei einem gesunden, jungen Hund allerdings nicht standardmäßig nötig. Bei chronisch kranken Tieren oder Senioren ist es hingegen durchaus sinnvoll, beispielsweise ein geriatrisches Profil regelmäßig anfertigen zu lassen, um zu prüfen, ob Organwerte verändert sind. Auch vor Operationen ist es natürlich notwendig, die Blutwerte zu überprüfen oder wenn das Tier akut erkrankt ist. Aber dafür kann man die Werte anfordern, die aussagekräftig sind und spart sich die aussagelosen Werte.

Welche Alternativen gibt es?

Nun stellt sich die Frage, wie die Nährstoffversorgung denn überprüft werden kann, wenn das BARF-Profil bei nahezu sämtlichen Nährstoffwerten keine zuverlässigen Ergebnisse liefert. Könnte vielleicht eine Haaranalyse sinnvoll sein? Nein, leider scheint auch die keine validen Ergebnisse zu liefern, zumindest nicht beim Hund. Haaranalysen werden z. B. bei Rindern eingesetzt. Dort ist bekannt, dass  verschiedene Faktoren wie z. B. die Haarart, -farbe, -alter sowie das Geschlecht des Tieres, die Abstammung, das Alter und die Schnitttiefe Einfluss auf die Ergebnisse haben. Für Hunde liegen keine validen Referenzwerte vor, weswegen man sich diesen Test ebenfalls gleich sparen kann. Auch hier hatte ich leider in der Praxis schon das zweifelhafte Vergnügen, mit einer Haaranalyse konfrontiert worden zu sein, aus der hervorging, dass der Hund angeblich zu viel Zink aufnimmt. Bei einem gebarften Hund ist das im Grunde aber unmöglich.

Die einzige Möglichkeit, die Versorgung mit gewissen Einschränkungen zu kontrollieren, stellt eine Rationsüberprüfung dar. Diese kann man entweder selbst durchführen, indem man den Nährwert der Ration ermittelt und mit den Bedarfswerten gegenübergestellt, man kann auch einen Nährwertrechner nutzen, oder aber man beauftragt einen Ernährungsberater. Dabei sollte aber unbedingt darauf geachtet werden, dass für gebarfte Hunde die wissenschaftlichen Bedarfswerte nicht 1:1 übertragen werden können. Bei BARF liegt eine verbesserte Bioverfügbarkeit der Nährstoffe im Vergleich zum Fertigfutter vor (das trifft z. B. auf Zink oder Calcium zu). Das erschwert die Auswertung.

Wenn man richtig barft und das Tier ansonsten gesund ist, gibt es allerdings gar keinen Grund, die Ration überhaupt aufwändig zu berechnen. Kein Mensch berechnet ständig, ob alle Nährstoffe zugeführt werden oder lässt unentwegt seine Blutwerte auf Nährstoffmängel checken und bei Tieren, die mit Fertigfutter ernährt werden, wird das auch nicht gemacht (obwohl dort auch nicht immer alle Nährstoffe so enthalten sind wie es auf der Packung steht). Zudem ist BARF, wenn man es korrekt umsetzt, durchaus bedarfsdeckend. Dafür ist es aber notwendig, die BARF-Ration entsprechend der Konzeptregeln zu konzipieren. Das ist allerdings nicht besonders kompliziert, man muss nur die Aufteilung der Hauptkomponenten einhalten sowie Öl und Seealgen richtig dosieren.

Neben der vernünftigen Umsetzung der BARF-Regeln sollte man auf jeden Fall den Hund im Auge behalten: Ein Hund, der glänzendes Fell, normalen Kotabsatz und saubere Ohren hat, der altersentsprechend ausdauernd und fit ist, läuft eher nicht Gefahr unter einem Mangel oder einer Überversorgung zu leiden.

Das BARF Buch

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(1) Wynn, S. G., Bartges, J., Dodds, W. J. (2003): Raw meaty bones- based diets may cause prerenal azotemia in normal dogs
Hand, M. S. et al. (2012): Klinische Diätetik für Kleintiere

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