Liefert BARF zu viel Vitamin A?

Liefert BARF zu viel Vitamin A?

Als Barfer weiß man natürlich: Es gibt Nährstoffe, die man überdosieren kann und dazu zählt auch Vitamin A. Führt man zu viel davon zu, kann das zum Beispiel mit Zahnausfall, Leberschäden, Fehlgeburten, Fellverlust einhergehen und sogar zum Tod führen. In dem Falle spricht man von einer Hypervitaminose. Deswegen warnen Kritiker häufig vor BARF, denn der Einsatz von Vitamin-A-reichen Futtermitteln wie Leber und Lebertran könne schnell zu einer Überversorgung führen. Stimmt das? Schauen wir uns an, wie viel Vitamin A zu viel ist.

Liegt wirklich eine Überdosierung vor?

Hunde brauchen Vitamin A, oder genauer gesagt, Retinol, so viel ist klar, denn das ist für die Vierbeiner ein essenzielles Vitamin. In einer BARF-Ration weisen tatsächlich Lebertran, Leber und mengenmäßig weit abgeschlagen auch Ei, Fisch, Käse und Fleisch teilweise hohe Gehalte an Vitamin A auf. Und viele Barfer füttern auch noch all diese Zutaten, führen also vermutlich beträchtliche Mengen an Vitamin A zu. Aber kann man Retinol mit einer normalen BARF-Ration überdosieren? Um es vorweg zu nehmen: Nein! Denn Hunde  sind im Vergleich zu uns Menschen gegenüber Vitamin A sehr unempfindlich. Das zeigt das s. g. Sichere Maximum, was das NRC für Hunde im Erhaltungsstoffwechsel mit 2.099 µg  pro kg metabolisches Körpergewicht und Tag festgelegt hat. Das heißt, solange dieser Wert nicht überschritten wird, liegt auch keine Überdosierung vor. Nun ist ein solcher Wert sehr abstrakt, weswegen sich der Blick auf ein paar Beispiele lohnt. Betrachten wir einen 30 kg Hund, der verschiedene Rationen bekommt. Das sichere Maximum liegt bei diesem Tier bei unglaublichen 26.906 µg Vitamin A pro Tag. Schauen wir, ob wir das mit BARF überschreiten.

Ration600 g Standard BARF inkl. 23 g Leber pro Tag600 g BARF  inkl. 23 g Leber pro Tag + 10 ml Lebertran pro Woche600 g BARF inkl. 72 g Leber pro Tag600 g BARF inkl. 72 g Leber pro Tag + 10 ml Lebertran pro Woche400 g Royal Canin Maxi pro Tag
Durchschnittliche  Vitamin-A-Zufuhr pro Tag1.753 µg2.182 µg5.238 µg5.667 µg2.040 µg
% vom Sicheren Maximum6,5 %8,1 %19,5 %21,1 %7,6 %
Bedarfswertdeckung340 %426 %1.022 %1.105 %397 %

Wie man gut sehen kann, wird das sichere Maximum weder mit BARF, noch mit Trockenfutter erreicht – nicht einmal ansatzweise, selbst wenn die Zufuhr auf den ersten Blick recht hoch erscheint. Auch die Kombination mit dem Lebertran ist unproblematisch. Selbst, wenn man bei BARF den gesamten Innereien-Anteil nur durch Leber abdecken würde (72 g am Tag im Beispiel) und zusätzlich noch 2 TL Lebertran pro Woche gibt, ist man Vom Sicheren Maximum bei diesem Rechenbeispiel weit entfernt. Grundsätzlich muss man natürlich bedenken, dass die Vitamin-A-Gehalte von Leber stark schwanken können. Aber selbst, wenn man ausschließlich Leber-Stücke „erwischt“, die sehr viel Vitamin A enthalten, erreicht man mit einer normalen BARF-Ration inklusive 10 ml Lebertran pro Woche nicht einmal das Sichere Maximum.

Das geschieht erst, wenn man Vitamin A zusätzlich hinzufügt, oder Leber in Mengen gibt, die ein Hund nicht mehr fressen könnte: Würde man einen Hund mit Vitamin A vergiften wollen, müsste man beispielsweise täglich 500 g Leber pro kg Körpergewicht füttern. Der 30 kg Hund bekäme also 15 kg (!) Leber am Tag. Eine Menge, die vermutlich nicht einmal ein Labrador fressen würde 😉 Daran kann man aber auch gut sehen, dass es kein Problem ist, die Leberration bei BARF nur auf 2 oder 3 Tage in der Woche zu verteilen.

Warum wird so viel Vitamin A zugeführt?

Die hohe Bedarfswerterfüllung bei allen genannten Konstellationen ist natürlich auffällig. Wenn der Bedarf eines 30 kg schweren Hundes nur bei ca. 500 µg am Tag liegt, dann würde es ja offensichtlich ausreichen, auch nur diese Menge zuzuführen. Das ist aber weder bei BARF der Fall, noch beim genannten Trockenfutter. Warum der Wert beim Trockenfutter so hoch ist, darüber lässt sich nur mutmaßen. Bei BARF geht dieser hohe Gehalt mit dem natürlichen Aufbau eines Beutetieres einher. Betrachtet man ein Kaninchen, so beträgt der Anteil an Leber 3,3 % des Körpergewichts. Daran orientiert sich eine BARF-Ration. Die 600 g im Beispiel oben enthalten durchschnittlich 23 g Leber am Tag, das entspricht 3,8 % der Ration. Würde man versuchen, nur so viel Leber zuzuführen wie es braucht, um den Vitamin-A-Bedarf zu decken, dürfte man nur noch winzige Mengen an Leber füttern. Das würde aber gleichzeitig dazu führen, dass der Hund bei einigen Nährstoffen einen Mangel erleidet, denn dann fehlt es auf einmal an Kupfer, Mangan, Vitamin D und verschiedenen B-Vitaminen (wie die Übersicht in diesem Artikel zeigt). Es ist also nicht nur unnötig, den Anteil an Leber zu reduzieren, weil das vom NRC definierte, Sichere Maximum ohnehin nicht überschritten wird, es ist sogar nachteilig, weil dann andere Nährstoffe fehlen könnten. Lässt man die Leber übrigens ganz weg, so fehlt es letztendlich sogar an Vitamin A, es sei denn, man füttert recht viel bestimmter Früchte.

Vitamin A aus B-Carotin

BARF Beta-CarotinHunde sind, genau wie wir Menschen, dazu in der Lage, B-Carotin, das z. B. in Karotten, Süßkartoffel und anderen Früchten mit orange-gelber Farbe vorkommt, in Retinol umzuwandeln. Das heißt, ein Hund ist hinsichtlich der Vitamin-A-Versorgung nicht unbedingt auf Leber & Co. angewiesen, er könnte diesbezüglich auch mit Karotten überleben. Was aber geschieht, wenn man zusätzlich zu all dem Vitamin A, was nun schon in einer BARF-Ration (oder auch in einem Trockenfutter) steckt, Karotten zuführt? Nun, es geschieht gar nichts. Hier findet keine Überdosierung statt. Abgesehen davon, dass Karotten nicht so unglaublich große Mengen an Beta-Carotin enthalten, würde der Körper das ohnehin nur dann in Retinol umwandeln, wenn es nötig ist. Man kann also den Anteil an Vitamin A, welches in der Obst-Gemüse-Portion steckt, einfach vernachlässigen.

Vitamin A aus Supplementen

Im Gegensatz zu einer normalen Leber- und auch Lebertranmenge in einer BARF-Ration oder B-Carotin-haltigen Früchten kann die zusätzliche Gabe von Supplementen, die Vitamin A enthalten, durchaus problematisch sein. Vor allem, wenn die Zusätze gar nicht für BARF-Rationen gedacht sind, die eben ohnehin schon viel Vitamin A mitbringen. Manchmal ist das enthaltene Vitamin A gar nicht auf den ersten Blick durch die Zutaten erkennbar, sondern versteckt sich im Bereich “Ernährungsphysiologische Zusatzstoffe”.  Darauf sollte man verstärkt achten.

Fazit

Vitamin A kann durchaus überdosiert werden, was zu gesundheitlichen Problemen führen kann. Allerdings ist das mit einer normalen BARF-Ration nicht möglich. Selbst, wenn der gesamte Innereien-Anteil aus Leber besteht und man zusätzlich noch bei BARF übliche Mengen an Lebertran einsetzt, erreicht man noch nicht einmal den Wert, der als s. g. Sicheres Maximum gilt. Auch im Vergleich zu Trockenfutter liefert eine durchschnittliche BARF-Ration nicht mehr Vitamin A. Sowohl die Sorge, es könne eine Überdosierung vorliegen, als auch das Vorurteil, dass dem so wäre, ist also absolut unbegründet.

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